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EINE KLEINE ÜBUNG IN DEMUT

 

Der lange schmale Raum ist eine Theke mit Sitzgelegenheiten aus einer Elefantennummer und einer kleinen Bühne für dich und mich, die wir lieber Erfinder geworden wären, kleine, einfach zu handhabende Maschinen erfunden hätten, die von jedem wild aufgewachsenen Affen bedient werden könnten.

Über den Flaschen hängt eine neunschwänzige Katze. Zwischen den übrigen wenigen Tischen in einer Ecke die Gebeine eines Riesen. Die Scherben ausgeblasen, die Flecken eingetrocknet. Die Krone gestutzt, die Astlöcher mit Strohblumen und leeren Flaschen gestopft, die Haut völlig abgezogen.

Ein teil des Rituals ist tatsächlich echt. In deinen besten Momenten glaubst du selbst, was du da von dir gibst, mir ins Ohr flüsterst.

Du trinkst ein Bier.

Der Barmann schaut dich nicht an, lächelt aber in den Spiegel. Er versteht die Sprache der Tiere.

Während ich in meiner festlich geschmückten Tracht zu Beginn der nun folgenden Szene nur wie ein Punkt unter all diesem Gewussel auszumachen bin, fährst du dein Auge voll an mich heran bis du in Grossaufnahme vor mir stehst.

Du schwitzt.

Du willst an den angestrahlten Baum festgebunden werden. Du lachst schrill, vergeblich, drängst die zu dieser Stunde einsamen Gäste. Du weinst, hast die Überhose schon halb heruntergelassen. Dann binden sie dich mit einem dicken Tau um den knorrigen Stamm.

Überspülte Halbkugeln von zehn Liter Kellen fühlen sich sogar nackig an, wenn sie etwas gerieben werden. Wie die Popos von Roboterbabies, die dringend abgeschrubbt werden müssen. Diesselben Hände voll Kartoffelschalen, Angebranntem, was den Ausguss versperrt, der die Finger sperrt, die jedesmal einklemmen bei dem Versuch den Ausguss zu entstopfen.

Woher kommen in diesem Swimmingpool bloss die hohen Wellen? Eierschneider, Tranchiermesser, Milchtöpfe, Rollen und Pfannen, Siebe, Schüsseln, scharfe Spiesse und Zitronenpressen, die die feine Haut des Latex ritzen. Es gibt keinen verlässlichen Schutz.

Komm, sage ich, drehe mich um und spreche mit meinem Körper. So ein Charme ist das. Komm, sage ich und springe voraus. Das ist ein Gag mit dir, denkst du.

Das Auge registriert entsetzt die Empfindungen der Hand, warum tust du nichts?, bis endlich die heisse Pfanne mit einem Satz im Spülbecken verschwindet.

Du bittest, man möge dich fester binden.

Sie lachen.

Du vergisst alles für einen Moment und die Palette schiesst nach oben. Du schwebst halb in der Luft. Das Band läuft deshalb noch schneller und du musst an den zwei Greifern unter der Decke warten, dass es einen Vorsprung erzielt um dann den Apparat abzusetzen. Dann erst hast du etwas Zeit.

Schrill! Schrill! Unaufhörlich macht es.

Ich gehe zu dir hin und frage.

Aber es macht du, du, du, du, wenn ich den Hörer abnehme. Es gelingt uns jedoch sie mit einem alten Trick zu überlisten: wenn wir ganz lieb sind, begnügen sie sich vielleicht mit einem von uns: du wählst meine Nummer.

Halte klaren Kopf!

Wie eine Dampfesblase steig auf, besetz kurzes, warmes Leben an Oberflächen; beinahe aus jedem Tropfen kleine, runde Rülpser, die in geringer Höhe zerplatzen. Aus den Wänden schiesst das Wasser kochend und eiskalt. Die Hände tauchen in die Fluten. Plötzlich fühlst du dich von hinten gepackt und an einem starken Arm rasant in die Tiefe gerissen. Du weißt: ohne Messer bist du verloren. Wie es dich tief und tiefer hinunter zieht, gelingt es dir dann doch noch das Messer wiederzufinden, bevor dir die Sinne schwinden. schneidest endlich die Telefonschnur durch, damit sich niemand damit erhängt, sondern sich einen rollenden Galgen auf der Strasse suchen muss.

Blitzschnell ist der Tenakel, der sich an dir festgesaugt hat, durchtrennt. Du kletterst geschwind auf einen Felsen und bist vorläufig in Sicherheit.

Du verstehst nichts, weil in dem Augenblick das Getöse wieder einsetzt. Ich weiss nicht, was du sagst, aber es beruhigt mich, dass es dir genauso geht.

Sie ziehen das Tau noch straffer.

Dann möchtest du die Peitsche haben.

Der Barmann legt sein Handtuch auf den Tresen, steigt auf eine kleine Fussleiter und greift über die Regale. Er lächelt. Er reicht sie einem der Männer. Als er herabsteigt dreht er sich um, dringt mir tief in meine Augen hinein und sagt: nachher du?

Ich schüttle den Kopf und trinke dein Bier aus.

In der zwischenzeit haben anonyme Hände hinter meinem Rücken neue Berge verdreckten Geschirrs aufgestapelt. Der Geschäftsführer schleicht sich heran und stellt die Zeiger der Uhr eine Stunde zurück.

Ich kann absolut nichts tun, weil sich schlagartig das Spülwasser verfinstert und meine Hände festhält.