TAPFERE ÜBERLEBENDE

Das bist du, der du in dem geilen Licht stehst und siehst, wie sie meinen gläsernen Sarg hinausrollen. Wie ein blankpolierter Kegel von einer elektrischen Heizdecke umhüllt, birgt die rosane Lederschürze bis an die Knöchel die Weizenhügel deines fruchtbaren Leibes. Diese immense Kornkammer fasst das Schlimmste, vielleicht für das ganze Haus. Du aber bewahrst Fassung und trägst daran. Und ich? Wie habe ich dieses Pferd geliebt!

Unter der Knute deiner Fülle kauert am Boden dein einziger Untertan, deine taubstumme Tochter, die einen Gedanken schreibt wie in meine Richtung, dann aber doch noch umkehrt und nirgendwo anders ankommt.

Du schreibst die Namen aller Bewohner auf Klebefolien in richtiger Höhe auf die Briefkästen für den Briefträger, wie du sagst. Auf den neu freigewordenen kleben wir ein Blankoetikett.

Ja, wahrscheinlich wirst du nach Hause zurückfahren, denn du kommst nicht von hier und das hier ist schon gar nicht dein zuhause.

Das ist doch Osten, das da?

Irgendwann sagst du, kommt es aus dieser Richtung, oder?

Das klingt leicht verhungert, manchmal dauert es fast einen halben Tag bis du das erste schöne Wort los bist. Du bist viel zu spät dran. Dann hast du im Krankenhaus eine Stelle, die du nicht loswerden willst. Du zeigst einfach in irgendeine Richtung.

Ich sehe dich von weitem und durch die verregnete Scheibe, den verklebten Fliegengittern, wie du aus dem Taxi aussteigst, hereinkommst, patschnass, ganz verheult. Ein Kaffee ist noch in der Kanne. Du schluchzt und erzählst ganz von alleine.

Vielleicht klappt es ja diesmal.

Immer wieder bricht es aus dir hervor:

Durch die Zimmerdecke ist der Ofen durch, nachdem er explodiert hat und alles ist hin. Es hat nicht geklappt ein Kind zu wollen, dabei waren die Hälfte der Koffer schon in meiner Wohnung.

Klappen den Koffer zu. Der hält dicht!

Halten die Türen zu!

Ich muss draussenbleiben. Gleich in einem Zimmer und vier Wände, da ist nicht so leicht zu entrinnen. Und noch vielmehr Kontrolettis auszutricksen.

Wenn du eine Pause machst spielen die Muskelstränge herkömmlich und mit demselben dünnen Muster wie das Hemd mit dem Gedanken weiter. Deine Pupillen weiten sich als erscheine deinem geistigen Auge ein verlorener Gegenstand, den du durch das Tränenmeer fixierst und du verstummst, hörst nur: alles hin, alles verloren, und du spürst den Schmerz in deinem Blut pochen.

Du gehst und holst einen Offizier.

In freundlichem orange meine Helfer, die ihn entkleiden. Sie führen ihn zu einem modernen Liegesessel. Er nimmt Platz. Sein Leib wird umgürtet, die Kontakte hergestellt.

Der Generator surrt.

Etwas schlägt dumpf von innen gegen die Gewandung der Maschine, dann löst er sich auf.

Du öffnest die Tür, aber niemand ist dahinter.

Die Rücklichter verbinden sich mit Blöken und verschwinden ganz. Fröstelnd entzünden die klammen Finger eine Zigarette. Ich schleiche mich zurück in mein kleines Häuschen unter der Erde, vorbei an kleinen Häusern, die einmal Mauern gewesen waren, nur noch der Graben davor mit Pflaster zugenagelt. Dahinter die Männerverwahranstalt.

Schliesse die Tür auf, schliesse sie hinter mir wieder ab, was soll's. Wie lange wird es dauern?

Drücke auf einen Knopf, der auf ein Signal haut, das auf die Schienen fällt.

Nachzügler trotten an meinem Fenster vorbei.

Der rund gewirkte Holzknüppel neben dem Notausschalter, der Blick ruhend über den Tagesbefehlen, spüre die kühne Kühle des Holzes in meiner Hand und hinaus ins Gedämmer.

Aber alle gehen an meinem Fenster vorbei, niemand hat Lust auf eine besondere Information.

Etwas klatscht gegen die Scheibe. Der Ausschnitt der Bildfläche ist ein Sicherheitsnetz zwischen den Streichholzschachteln auf Wäscheleinen gespannt. Man kann dich nämlich nicht gut leiden, auch wenn du das nicht wahrhaben willst.

Das Fenster ist voller Punkte.

Jetzt ist wieder eine Minute voller Mord und Totschlag vorüber.

Da zappelt es in meinem Glas.

Erst ein Schluck aus der Flasche und nachsehen, was sich da bewegt.

Es wird nicht müde zu strampeln mit allen seinen vielen Gliedern. Ein Schraubenzieher: doch das Tier zappelt nach dem ersten Treffer noch immer, etwas weniger heftig vielleicht. Das Glas geschwenkt, gedreht, das Bier epileptisch an die Ufer schwappend: immer noch Kampf.

Die Bewegungen nehmen kein Ende. Wo sie beendet werden sollten anstatt die Lust am Leiden zu entfachen, haben sie grösseres Leid zugefügt.

Nach dem zweiten und dritten Stoss geht dsas Insekt in eine Schräglage auf der Bierfläche über und der rote Unterkörper dreht sich langsam nach oben. Das macht gar nix, dann liegen die Flügel wie ein Brett aneinander. Noch ein Schluck aus der Flasche, weitermachen.